|
Lange dachte er schon darüber nach, was es war. Das, was sie alle verändert hatte. Das offensichtlich so viele Menschen besiegt hat und nun ihr Leben bestimmt.
Er dachte darüber nach, wie es die Menschen so verbiegen konnte. Warum es aus erfolgreichen Leuten arrogante Einzelgänger macht und warum fröhliche Kinder zu traurigen Erwachsenen werden.
Er dachte darüber nach, warum liebenden Familienvätern ihre Liebe nicht genug ist. Warum Familien nur noch theoretische Konstrukte sind, deren Mitglieder unterschiedliche Lebensformen zu sein scheinen.
Er dachte darüber nach, warum man heute schon Paare als glücklich bezeichnet, die sich einfach nur nicht streiten. Warum zusammen leben gleich Liebe bedeutet.
Wenn ein Mensch zum Zeitpunkt seiner Geburt in den Urwald des Lebens geschickt wird, begegnen ihm Empfindungen. Sie alle folgen ihrem tiefen Instinkt und möchten den Neuankömmling für sich gewinnen.
Er ist ein gestaltloses Wesen, in seiner Seele; er ist unbelastet, hat keine Gedanken, liebt alles und nichts. Irrlichter begegnen ihm, sie stören ihn nicht, sie sind das Einzige, was er erkennt zwischen all dem Nichts. Er kennt keine Farben, keine Formen. Er fühlt nur...
Er fühlt Wärme in den ersten Tagen, diese Wärme die ganz in seiner Nähe ist. Sie fühlt sich gut an und er mag diejenigen, die sie ausstrahlen. Seine Eltern, denen er von nun an vertraut, sie machen dass es ihm gut geht.
Er fühlt ein Ziehen, es ist unangenehm, es ist die Sorge um ihn, sie ist schön, aber sie zieht. Er kennt noch nichts Böses, aber er kennt die Angst davor. Sie zieht, er mag sie nicht. Seine Wärmewesen scheinen sie auszustrahlen.
Er fühlt kleine Stiche, die ihn treffen, die aber nicht an ihn gerichtet sind. Er hört laute Geräusche, er weiß nicht, dass es Stimmen sind und er weiß nicht, dass sie eine Bedeutung haben. Aber sie stechen. Sie sind keine Wärme, sie sind kein Gemurmel.
Er fühlt bewegte Luft, an ihm rauschen Bilder vorbei. Viele Empfindungen, viel zu fühlen. Die Wärmewesen möchten ihm etwas zeigen, immer wieder, jeden Tag, er weiß nichts damit anzufangen aber es ist bunt und ihm ist warm.
Er fühlt Lähmung, wenn die Wärme nicht direkt bei ihm ist. Die Wärmewesen sind mit anderen Dingen beschäftigt, er weiß nicht, dass sie es Alltag nennen. Er schreit, damit sich etwas bewegt. Er erhält Stiche als Antwort. Ist das gut oder schlecht?
Er fühlt Vibrationen, wenn Kältewesen bei ihm sind, sie sind gar nicht wirklich kalt, aber sie sind nicht warm. Sie verteilen Stiche, Geräusche, es ist aufregend, es geht scheinbar um ihn, aber er merkt nichts davon, weil es nicht wirklich so ist.
Er fühlt Schwere, die Wärme liegt am Boden und erreicht ihn nicht mehr richtig. Die Erschöpfung, deren Namen er nicht kennt, hat er selber verursacht, doch davon ahnt er nichts. Ihn ärgert die entfernte Wärme und er schreit.
Er fühlt Enge, während Wasser auf seinen ihm unbekannten Kopf tropft. Er weiß nicht, dass er von nun an zu einer Gruppe gehört, die sie Religion nennen. Er fühlt nur gewärmte Kälte. Geborgenheit, aber fremde.
Er fühlt Beschleunigung, immer stärker, als er andere noch gestaltlose Wesen um sich hat. Sie beschäftigen sich mit ihm, später werden Sie es Spaß nennen. Ersetzt er nicht sogar die Wärme? Beschleunigung hält auch warm, das merkt er schnell.
All die gefühlten Irrlichter gaben ihm Zeichen und das von Anfang an, seit der ersten eigenen Luft, die er erobert hatte. Ihre Namen lernte er erst später, aber da kannte er längst ihre Gesichter und das, was sie mit ihm machten.
Welches dieser Lichter lässt er am meisten an sich heran, wenn die Wärmewesen sich langsam entfernen? Und kann er diese Entscheidung allein treffen?
Während er in Gedanken viele Jahre zurückging und sich in das gestaltlose Wesen hineinversetzte, das er einmal war, fragte ihn sein Geist ganz plötzlich, womit andere Menschen wohl gerade ihre Zeit verbrachten, jetzt, in diesem Moment, in dem er nachdenkt. Vielleicht auf dem Sofa liegen, Fernsehen gucken, streiten, Arbeiten? Trinken? Schlafen?
Oder am Ende vielleicht tatsächlich ... fühlen?
|